Auch Brieftauben im Freiflug sind Haustiere

Herr J. hat am Dachboden seines Wohnhauses einen Schlag für Brieftauben untergebracht. Der Taubenbestand beläuft sich auf ca. 100 – 130 Stück, im Sommer auch mehr, weil Herr J. Jungtauben züchtet.

Die Vögel werden in Schlägen gehalten. Für Freiflüge werden die Luken im Taubenschlag geöffnet, um den Brieftauben das Ausfliegen zu ermöglichen. Zum Schutz vor Greifvögeln fliegen die Tauben in Gruppen.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen werden immer wieder Tauben von Greifvögeln geschlagen. Im Zeitraum vom Sommer 2000 bis Sommer 2005 verliert Herr J. Tauben im Wert von EUR 1.200,-. Diesen Schaden macht er bei der Schlichtungsstelle für Wildschadensangelegenheiten im Bundesland Kärnten geltend. Das Kärntner Jagdgesetz sieht nämlich vor, dass man Schadenersatz erhält, wenn man sein Haustier durch einen Wildschaden verliert.

Die zentrale Frage, mit der sich der Verwaltungsgerichtshof auseinandergesetzt hat, war ob Brieftauben, die sich ja üblicherweise für einige Zeit von der Einfluss-Sphäre ihres Halters entfernen, Haustiere sind. Dabei greift der VwGH auf das Duden-Bedeutungswörterbuch zurück, wonach es sich bei einem Haustier um ein „zahmes, nicht frei lebendes Tier, dass der Mensch (zum Nutzen) hält“ handelt. Darunter fällt grundsätzlich auch die Brieftaube.

Damit ist es nun möglich, auch für Brieftauben, die von Greifvögeln geschlagen werden, Schadenersatz zu erlangen.

Der Halter der Brieftauben hat die Entscheidung leider nicht mehr erlebt; er ist verstorben, bevor der Instanzenzug erschöpft war. Seine Erbin wird den Kampf um den Ersatz für die geschlagenen Brieftauben in seinem Sinne fortsetzen.
VwGH 2007/3/0043, 20.12.2010