"Rechtsveränderungen kaum überschaubar"
31.12.2005 | Format 12/2005

Franz Kronsteiner, Chef der Rechtsschutzversicherung D.A.S. über Versicherungsprämien, Schadensfälle und die Folgen des neuen Unternehmensstrafrechts.

Format: Herr Kronsteiner, wie ist das Geschäft in diesem Jahr für Rechtsschutzversicherer gelaufen?

Kronsteiner: Eigentlich sehr gut. Das Prämieneinkommen der D.A.S. Rechtsschutzversicherung wird heuer gegenüber dem Vorjahr um neun bis zehn Prozent auf 56 Millionen Euro steigen.

Format: Wie sieht es mit den Ausgaben aus? Häufen sich die Schadenmeldungen?

Kronsteiner: Nun, die Schadenanfallentwicklung ist im Detail auffällig, insgesamt eher unauffällig. Die Kostenentwicklung ist unauffällig. Wir werden heuer eine kombinierte Schaden-Kosten-Quote unter 97 Prozent erreichen, also ordentliche technische Ergebnisse haben. Wir sind sehr zufrieden mit diesem Jahr.

Format: Wie hoch ist insgesamt der Schadenanfall bei der D.A.S.?

Kronsteiner: Wir geben etwas mehr als 50 Prozent für externe Kosten aus, zumeist Honorare für Anwälte. Einschließlich der Eigenkosten für die zentrale und regionale Beratungstätigkeit und Schadenregulierung geben wir zwei Drittel für den Schadenaufwand aus.

Format: Ist die D.A.S. ihrerseits eigentlich auch rückversichert?

Kronsteiner: Natürlich.

Format: Das heißt, Ihnen bleibt noch mehr übrig? Also ein gutes Geschäft?

Kronsteiner: Wir geben von der Prämie ab, und wir geben vom Schaden ab. Doch auch die Risikoabwälzung auf den Rückversicherer ist nicht gratis.

Format: Mit welchen Fällen sind Sie am häufigsten konfrontiert?

Kronsteiner: Die Dauerbrenner sind sicher Familie, Wohnung und Auto.

Format: Welche Versicherungsnehmer, welche Arten von Problemen und Sachverhalten stellen die größten Risiken dar?

Kronsteiner: Sie müssen unterscheiden zwischen der Frequenz der Schadenfälle und der Höhe der Kosten, die mit einem Schadenfall verbunden sind. Zu den teuersten Fällen gehören Schadenersatzansprüche nach Körperverletzungen oder Todesfällen. Stärkeren Einfluß auf den Jahresabschluß hat aber eine hohe Schadenfrequenz. Und die ist vor allem bei Verbraucherproblemen sehr groß. Aktuelle Beispiele: Amis oder Sparkasse Salzburg. Derartige Fälle sind deutlich angestiegen.

Format: Glauben Sie, daß sich das in Zukunft fortsetzen wird?

Kronsteiner: Ja, in wirtschaftlich schwierigen Phasen, wie wir sie jetzt gerade haben, nehmen automatisch arbeitsrechtliche Konflikte zu. Da geht es vor allem um Problemkreise wie vorzeitige Vertragsauflösungen oder Konflikte um die Endabrechnung. In diesen Situationen brechen dann alle unklaren Fragen auf, die vorher nicht klar abgesprochen und geregelt wurden. Es häufen sich auch Sozialversicherungsfälle. Seit der Pensionsreform spüren wir ein starkes Ansteigen der Schadenfälle aus diesem Bereich. Da geht es praktisch gesehen um die Anerkennung oder den Nachweis von Beitragszeiten oder Beitragsersatzzeiten. Schließlich beobachten wir in letzter Zeit immer mehr Verfahren, weil Pensionsanträge wegen Berufsunfähigkeit abgelehnt werden. Das sind gerichtliche Auseinandersetzungen, die sehr lange dauern und auch ziemlich teuer sind. Es ist keine Seltenheit, daß die eigenen Anwaltskosten nur für die erste Instanz bereits 3.000 Euro ausmachen.

Format: Gibt es weitere so markante Veränderungen?

Kronsteiner: Vor allem der Bedarf an Rechtsberatung steigt unglaublich. Das ist kein Wunder, weil ununterbrochen Vorschriften novelliert oder neu geschaffen werden. Das ist für die Menschen ganz schwierig zu überschauen. 2004 wurden die Pensionsreform, das Konsumentenschutzgesetz, das Nachbarrecht sowie im Arbeitsrecht der Anspruch auf Teilzeitarbeit mit Kündigungsschutz neu geregelt. Das ist sehr viel in einem einzigen Jahr. 2005 kam die Neuregelung der Testamentserrichtung, im Autobereich die Sicherheitsweste und der Punkteführerschein. Jetzt, im Jänner 2006, zeigen sich mit dem Unternehmensstrafrecht und der bereits absehbaren nächsten Mietrechtsreform neue Problemfelder.

Format: Wie viele Beratungen führt die D.A.S. jährlich durch?

Kronsteiner: Wir kommen auf etwa 20.000 Beratungen pro Jahr, die je nach Wunsch des Kunden persönlich, telefonisch oder per Mail behandelt werden.

Format: Kommen Sie da mit Ihrem Personal aus?

Kronsteiner: Das machen nicht nur eigene Mitarbeiter. Das machen oft auch Anwälte. Auch das kann sich der Kunde aussuchen. Die Rechtsberatung hat jedenfalls einen völlig neuen Stellenwert bekommen und ist in fünf Jahren sicherlich um 80 Prozent gestiegen.

Format: Ist dieser Rechtsberatungsdienst nicht besonders kostenintensiv?

Kronsteiner: Einerseits ja. Aber durch Beratung können wir das Entstehen von größeren Problemen verhindern. Davon profitieren wir und die Kunden. Hinzu kommt, daß die laufende Befassung mit rechtlichen Veränderungen unsere innovative Produktentwicklung unterstützt.

Format: Wie funktioniert das mit der freien Anwaltswahl?

Kronsteiner: Uns stehen 400 verbundene Anwälte zur Verfügung. Und darüber hinaus kann sich jeder Kunde seinen Anwalt selbst wählen. Es gibt nur eine Ausnahme: Die außergerichtliche Beratung läuft über Anwälte, die wir vorschlagen.

Format. Was kostet ein Gerichtsprozeß im Durchschnitt?

Kronsteiner: Das ist unterschiedlich und hängt nicht nur vom Streitwert, sondern auch vom Erfolg ab. Größere Fälle können schon 10.000 bis 50.000 Euro kosten. Etwa im kürzlich abgeschlossenen WEB-Fall hat das Verfahren gegen die Sparkasse Salzburg die beteiligten Rechtsschutzversicherer vier bis fünf Millionen Euro gekostet.

Format: Rechtsschutzversicherungen nehmen über Prämien nur wenig ein und zahlen im Verfahrensfall sehr viel Wie kann sich das rechnen?

Kronsteiner: Die Prämien sind sicher verblüffend niedrig. Aber so funktionieren Versicherungen. Viele Kunden zahlen kleine Prämien, und nur eine geringe Anzahl von Kunden braucht jedes Jahr eine Vertretung in einem Verfahren.

Format: Ab dem 1. Jänner 2006 sind Unternehmen auch strafrechtlich verfolgbar. Was kommt da auf Sie zu?

Kronsteiner: Wir erwarten aufgrund des neuen Unternehmensstrafrechts, daß es mehr Verfahren geben wird, und zweitens wird auch der Aufwand für die Verteidigung spürbar steigen. Das hat mit der außerordentlichen Höhe der dann drohenden Strafen zu tun.

Format: Immer häufiger treten Prozeßfinanzierer auf. Sind die eine ernst zu nehmende Konkurrenz für Rechtsschutzversicherer?

Kronsteiner: Nein, wir sehen diese nicht als Konkurrenten, sondern als Ergänzung des Rechtsschutzangebotes für seltene Ausnahmefälle. Ein Grund liegt darin, daß viele Prozeßfinanzierer erst bei Streitwerten über mehreren hunderttausend Euro zu prozessieren beginnen. Und das kommt nicht gar so häufig vor.


Quelle: Format, 12/2005

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